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Wohlüberlegter Kahlschlag des wertvollen Lindenbestandes im Zentrum von Frankfurt (Oder) nicht ausgeschlossen

In den letzten Monaten ist das Thema der Baumfällungen und der Umgang mit dem Grün in Frankfurt (Oder) von Naturschutzverbänden, Parteien und vielen besorgten Bürgern öffentlich kritisiert worden. Dieses hat sich an dem jüngsten Vorschlag – die wunderschönen Lindenbäume in der Karl-Marx-Straße im Zuge eines Umgestaltungskonzeptes der Innenstadt zu fällen, entbrannt. Ziel ist, die Aufenthaltsqualität und Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen. Es kommt hier wiederholt die Frage auf, welchen Wert Bäume und das Grün allgemein für ein Stadtimage haben. Hier gehen die Meinungen der Bürger und der verantwortlichen städtischen Akteure mittlerweile weit auseinander. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Interview des Frankfurter Stadtsenders mit Dezernenten Derling am 20.02.2012 [1]. Dieser argumentierte, dass Bäume in Innenstädten nicht mehr „zeitgemäß“ seien und dass die Linden „Schatten in die Geschäfte“ werfen würden. Daher sollen die „großen Bäume durch neue mit kleineren Kronen aus(ge)wechselt“ [2] werden. Dieses Vorhaben wäre unverantwortlich und sollte nicht ohne Konsequenzen für die Entscheider bleiben. Ein einige Jahrzehnte alter Stadtbaum kann nicht ersetzt werden. Überhaupt ist eine so wertvolle Lindenallee beidseits der Karl-Marx-Straße in dieser sonst nicht sehr attraktiven Stadtmitte eine erhebliche Aufwertung im Stadtbild. Das Entfernen der Linden würde einen unvertretbaren Stadtimageverlust, erhebliche Kosten und eine Wohnumfeldver-schlechterung nach sich ziehen. Eine Innenstadt beleben und neu gestalten zu wollen mit dem Vorschlag, dafür den wertvollsten Baumbestand zu fällen, ist stadtpolitisch weder zeitgemäß noch tragbar. Hier und an vielen anderen Beispielen zeigt sich wie leichtfertig mit diesen wertvollen Ressourcen umgegangen wird. Die Lindenallee ist Bestandteil einer langen grünen Stadtgeschichte, ist ein Erkennungszeichen und erfüllt wichtige klimatische Funktionen wie Luftschadstoff- und Feinstaubfilterung.

Das erwähnte Problem, dass potentielle Kunden an Frankfurt (Oder) vorbeifahren und die Innenstadt selten bzw. zu wenig aufgesucht wird, kann sicher nicht den Linden zugeschrieben werden, sondern ist das Resultat von städtebaulichen Fehlentscheidungen der Vergangenheit. Umso wichtiger ist es, dass weitere fatale Entscheidungen mit gravierenden Auswirkungen für den Stadtraum und seine Bürger verhindert werden. Vielmehr sollte ein verbessertes Stadtklima und die Förderung von Begrünungen in den Fokus der Zukunft gerückt werden, denn genau dahin steuern zeitgemäße, umweltbewusste Städte.

Wenn es – wie es in dem besagten Interview erwähnt wird – um ein  „Schattenproblem“ geht, bleibt in der Konsequenz zu fragen, wie es sich dann im Sommer ohne „Schattenproblem“ verhält? Heißt es dann, die kleinen Bäume müssen gegen große ausgetauscht werden, weil es den Kunden zu heiß in den Geschäften wird oder keiner mehr draußen vor dem Cafe bzw. Restaurant in der prallen Sonne sitzen will? Bestes Beispiel ist der Rathausvorplatz in der Innenstadt. Er würde um Einiges an Attraktivität gewinnen, wenn hier Grün vorhanden wäre. Ebenso der unschöne Parkplatz hinter dem Oderturm, der als Betonwüste das Stadtbild prägt. Hier sollte vorerst angesetzt und nach Alternativen gesucht werden, um die Innenstadt attraktiver zu gestalten. Zu fragen ist auch, ob die angedachten Fällungen durch die Baumschutzsatzung der Stadt gedeckt wären und ob eine „Verschönerungsmaßnahme“ ein derartiges Vorgehen rechtfertigen kann. Hier sollte der Schutz der Gesundheit der Bürger an vorderster Stelle stehen. Gerade in Innenstadtbereichen erfüllen Bäume – und das ist durchaus zeitgemäß – wertvolle Funktionen. Sie dienen als CO2-Speicher, senken die Feinstaubbelastung, erfüllen Lärmschutzfunktion, bieten Lebensräume für Tiere und Insekten. Wir benötigen keine Umweltzonen, wenn wir unseren Altbaumbestand in Innenstädten und an Straßen belassen würden. Die Kommunen tun zu wenig, um ihre Bürger vor Staubpartikeln zu schützen. „Staubpartikel sind zwar winzig klein, aber keine Bagatelle. Asthma, Allergien, Krebs sind die Folgen schlechter Luft.“ [3] Können wir bei diesen allerorts bekannten Fakten dann nicht angemessen argumentieren und ein Stadtkonzept entwickeln, welches die Altbäume integriert? Wie kann eine Stadt schöner werden, wenn man ihr gewachsenes Naturkapital zerstört oder glaubt, dieses ersetzen zu können? Wir werden bald nichts mehr über „Windbruchgefahr“, „Verkehrssicherheitsgefährdung“, „Rücknahme“ oder auch „Ersetzung“ von Bäumen lesen. Wir werden schon bald keine Altbäume mehr im Bestand haben, von denen diese Gefahren ausgehen könnten. Es darf bzw. muss bei diesen jährlichen Fällungszahlen bezweifelt werden, dass das Bewusstsein für eine grüne Stadt bei den zuständigen Akteuren verankert ist. Wie sollte sonst erklärt werden, dass präventiv Bäume entfernt werden, die noch 3 bis 4 Jahre eine Funktion für den Stadtraum erfüllt hätten mit dem Argument, der „Aufwand“ sei zu groß? Oder das flächendeckende Fällen von Bäumen z.B. Pappeln und Weiden, die durch die Baumschutzsatzung nicht geschützt sind. Auch das Entfernen der letzten 30 Altbäume in Höhe des Finanzamtes Müllroser Chaussee oder der Tangente vor den Tankstellen am Mühlenweg sowie der Böschungskahlschlag am Kleistpark zeugen wenig von einem verantwortungsbewussten Vorgehen mit unserem Baum- und Grünbestand.

All dieses Entfernen schließt sich zu einem Reigen krönender Begründungen einer Behörde zum Wohlergehen und der Gewährung von Sicherheit gegenüber den gefährdeten Stadtbürgern vor der negativen Aura der Stadtbäume. Sie gipfelt in dem  oben erwähnten Vorschlag, im Zuge eines Stadtumbaukonzeptes den Schatten in einigen Geschäften durch die Entfernung der Linden zu beseitigen und durch eine der Stadtverwaltung angemessene Baumart zu ersetzen.

Mit ein wenig Ironie muss man diesem Argument fast dankbar sein, denn dadurch ist das Thema der Baumfällungen endlich auf die öffentliche Agenda gerückt. Und es ist, entgegen der Aussage des Dezernenten wahrlich zeitgemäß, ganz viele große Bäume und Grün in Stadtgebieten zu haben. Schaut man sich Stadtteilentwicklungskonzepte beispielsweise in Berlin an, so wird dort auf reichlich Grün gesetzt und man wäre froh auf einen derartigen Altbaumbestand in Geschäftsstraßen verweisen zu können. Deshalb kann es kein Ziel sein – bei einem wie auch immer gestalteten neuen Innenstadtkonzept in Frankfurt (Oder) – die Linden zu entfernen. Der Trend geht weg von Betonwüsten und immer noch mehr Einkaufshochburgen. Stadtmenschen wollen und brauchen jetzt und nicht erst in 10 oder 15 Jahren zum Wohlbefinden grüne Oasen, stattliche Bäume und Kultur in natürlichen Landschaften.

Daher möchten wir alle Baum- und Naturliebhaber herzlich bitten, dass Sie einen Moment Zeit investierten für unsere Stadtbäume. Verhindern Sie mit Ihrer Stimme einen weiteren Kahlschlag am letzten Altbaumstand in unserer Stadt. Es wird den Fachexperten für Stadtplanung ganz sicher möglich sein, dass ein neues attraktives Stadtkonzept entwickelt wird, welches den Lieblingsbaum des großen Poeten Rilke  integriert.

Danke für Ihre Unterstützung!

[1]

[2] MOZ vom 05.03.2011, S. 11: „Kunden fahren an Frankfurt vorbei.“, Autor: Heinz Kannenberg

[3] MOZ vom 07.02.2012: Beitrag: „Keine Bagatelle“, Autorin: Ina Matthies

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1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Ich finde es großartig, dass sich Bürger-innen Gedanken über verantwortungsloses Handeln von Stadtoberen machen.
    Man fragt sich doch, ob Herr Derling im Biologieunterricht nicht aufgepasst hat, wenn er denkt, dass solche alten Bäume einfach ersetzt werden können.-Und ich finde auch , dass die Geschäftsinhaber-innen es sich zu einfach machen, wenn sie die Schuld für nicht kommende Kunden auf Schatten werfende Bäume schieben.Eigentlich ist doch das Gegenteil der Fall: Vor allem an warmen Sommertagen flaniert man lieber auf einer Straße mit Schatten als in der prallen Sonne.- Aber wenn in den Geschäften nur Superteures zu finden ist oder die Beratung nicht stimmt, gehen die Kunden eben nicht wieder in den Laden. Es liegt meistens an den Verkäufer-innen und deren Verhalten, wenn die Kunden wegbleiben.