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Frankfurt (Oder) auf dem Holzweg?

Im Jahr 2006 wurde die Schwarzpappel „Baum des Jahres“ und steht mittlerweile auf der „Roten Liste“ der Arten.

Pappeln auf dem Ziegenwerder in Frankfurt (Oder)

Pappeln auf dem Ziegenwerder in Frankfurt (Oder)

In § 2 (1) 2. der Brandenburgischen Baumschutzverordnung – BbgBaumSchV) vom 29. Juni 2004 verwehrt man „Pappeln“ die Anerkennung „als geschützte Landschaftsbestandteile“. Ein Freifahrtschein könnte man denken, wenn man das Pappelfällen im Stadtbereich Frankfurt (Oder) in dieser Winterperiode verfolgt. So fielen 37 über 80 Jahre alte Pappeln im Uferbereich der Insel Ziegenwerder Mitte Dezember einem Sägenmassaker zum Opfer. Ausgangssituation waren vereinzelte Astbrüche durch heftige Herbststürme und eine anschließend erfolgte Sperrung des Bereiches. Jüngst witzelten Spaziergänger hinter vorgehaltener Hand: „Da werden die zuständigen Experten der Stadtverwaltung wohl sicherheitshalber alle Pappeln fällen, weil nun die Angst vor Haftungsansprüchen wie ein Gespenst gegenwärtig ist.“
So geschehen! Aber es lacht niemand mehr. Die liebevoll im Jahr 2003 mit erheblichen finanziellen Zuschüssen der EU zum „Europagarten“ gestaltete Naturinsel hat nun ihre touristische Attraktion verloren. Die Landschaftsästhetik und der Naturschutz mussten dem Aspekt der „Verkehrssicherheit“ weichen. Ein weit dehnbarer Begriff und regional teilweise abenteuerlich in der Auslegung gebraucht. Die an der Entscheidung beteiligten Akteure der Stadt Frankfurt (Oder) sahen durch den erfolgten Astbruch, der ab einem gewissen Alter für Pappeln wohl typisch ist, die Verkehrssicherheit gefährdet und stellten diese durch das konsequente Abholzen des gesamten Pappelbestandes im Uferbereich wieder her! Der Beifall blieb aus.

Hier stellen sich nun folgende Fragen: Erforderten die gefürchteten Haftungsparagraphen (§§ 823, 836)1 im Falle des Ziegenwerder diese Radikalität der Vorgehensweise? Eine Gesetzesdefinition, was genau die „Verkehrssicherungspflicht“ beinhaltet, gibt es anscheinend nicht. Wo sind die Grenzen zwischen höherer Gewalt und Verantwortlichkeiten? Wer haftet für die Schäden und Folgeschäden an der Natur bei diesem wohl eher präventiven, völlig überzogenen Sicherheitsdenken? Gab es wirklich keine Alternativen zu diesem Vorgehen?

§ 823 BGB: „(1) Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.“

§ 836: „(1) Wird durch den Einsturz eines Gebäudes oder eines anderen mit einem Grundstück verbundenen Werkes oder durch die Ablösung von Teilen des Gebäudes oder des Werkes ein Mensch getötet, der Körper oder die Gesundheit eines Menschen verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der Besitzer des Grundstücks, sofern der Einsturz oder die Ablösung die Folge fehlerhafter Errichtung oder mangelhafter Unterhaltung ist, verpflichtet, dem Verletzten dedaraus entstehenden Schaden zu ersetzen. Die Ersatzpflicht tritt nicht ein, wenn der Besitzer zum Zwecke der Abwendung der Gefahr die im Verkehr erforderliche Sorgfalt beobachtet hat.“

Entgegen der BbgBaumSchV dürfte die Erhaltungswürdigkeit und die Schützwürdigkeit vereinzelter Pappelbestände durchaus angezeigt sein, sind diese doch historische Landschaftselemente der ostbrandenburgischen Kulturlandschaft, touristische Attraktion und erfüllen Klimafunktion. Im „Landschaftssteckbrief“ des Bundesamtes für Naturschutz lese ich die Schlagworte „schutzwürdige Landschaften“ als „erlebbare Umwelt des Menschen“? War die wunderschöne Pappelallee auf dem Ziegenwerder nicht ein Erlebnis für die Menschen und Zeitzeugnis unserer Stadtgeschichte? Las und hörte man nicht immer wieder etwas von naturschutzfachlicher Bedeutung des Ziegenwerder als Vogelschutzgebiet? Vorkommen zahlreicher Brutvogelarten? Dauerbrutplätzen (z.B. Schwarzspechte, Kleinspechte, Kleiber)? Ja selbst seltener Fledermausarten? Wurden 37 Pappeln geopfert für ein vermeintliches Risiko der Natur? Oder tauchte plötzlich eine Baumpilzseuche auf, von der jeder einzelne der 37 Bäume befallen war? Dann verneige ich mich ehrfürchtig vor dieser Katastrophe. Oder sind die Fällungen der schlechten Haushaltslage der Kommunen geschuldet? Ich habe gelesen, dass ein hundert Jahre alter Stadtbaum einen materiellen Wert von 3.000,00 Euro haben soll, täglich 18 kg Kohlendioxid verarbeitet und damit 13 kg Sauerstoff für den Bedarf von ca. 10 Menschen produziert. Allein diese Schadensparameter sind enorm.

Pappeln auf dem Ziegenwerder

Pappeln auf dem Ziegenwerder

Das Pappelkonzept der Stadt ist nicht aufgegangen. Das Fällen dieser Naturdenkmale hat das Allgemeinwohl der Menschen nicht gefördert, sondern die Lebensqualität gemindert.

Es sei noch erwähnt: Die Untere Naturschutzbehörde Frankfurt (Oder) verkündete jüngst, dass noch in diesem Jahr 2009 ca. 700 Bäume im Stadtgebiet einer „intensiven Pflege“ unterzogen werden sollen. Was auch immer das heißen mag, liegt allein im Ermessen der Behörde und diese hat wenig Sensibilität in dieser Angelegenheit bewiesen. Mich tröstet, dass Bürgerinitiativen im Land Brandenburg durch Engagement erfolgreich Fällungen verhindert und ein Zeichen gegen den Raubbau der letzten Ressourcen gesetzt haben. Ich hoffe, dass uns dies auch in Frankfurt (Oder) gelingen wird. Packen wir es an!

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5 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. In diesem Fall scheint mir ein Disziplinarverfahren gegen die Verantwortlichen dringend geboten.
    Der Verkehrssicherungspflicht kann zunächst durch eine Absperrung und dann durch einen sachkundigen Rückschnitt
    (d.h. nicht Amputation) entsprochen werden.

  2. Pingback: BAR-blog | Wir bloggen den Barnim

  3. Danke für die Kommentare!
    Auch mir scheint es dringend geboten, dass hier die zuständigen Brandenburgischen Naturschutzverbände/Vereine etc., die über die entsprechenden finanziellen Kapazitäten u.a. aus Mitgliedsbeiträgen etc. und auch Fachpersonal verfügen, die „Rechtmäßigkeit“ der vorgenommenen Fällungen auf dem Ziegenwerder prüfen lassen, da diese auch ein entsprechendes begründetes Interesse an der Aufklärung darlegen können, was ja bei Einzelpersonen m.E. nicht der Fall ist.
    Auch wäre es äußerst wünschenswert, wenn die Märkische Oderzeitung Frankfurt (Oder) anstelle freudiger Fällungsverkündungen in der Tageszeitung sensibler mit dieser Thematik umgehen und etwas kritischer in der Berichterstattung sein würde.
    Es geht ja u.a. um die Frage, ob dort Ersatzpflanzungen vorgenommen werden müssen oder diese Verstümmelungen die Touristen erfreuen sollen?

  4. Das ist einfach furchtbar und ich finde absolut keine Worte für das was ich heute gesehen habe. Da spendet man doch Geld für den Erhalt des Regenwaldes und was passiert vor Ort? Es ist eine derartartige Verkrippelung der Natur, die es einfach hier doch garnicht geben darf. Was haben sich nur die Behörden gedacht – ich finde für solche dummen Maßnahmen sollten sich die Behörden vor Gericht erklären.

  5. Liebe Yvonne, ich bin derzeit die aktuelle Künstlerin in der Galerie B im Kunsthaus in Frankfurt (Oder). Als ich am 18.1. in FFO ankam, habe ich gleich bei meinem ersten Spaziergang die skulptural anmutenden Baumstümpfe auf Ziegenwerder entdeckt. Ich beschäftige mich mit alten Bäumen, so den etwa 500 Jahre alten Hutewaldeichen in der Schorfheide und war deshalb erst einmal erschrocken über diesen Anblick, der trotz allem für mich noch eine große Anmutung ausstrahlte und zum Thema meines vierwöchigen Aufenthalts wurde und Hauptthema meiner Ausstellung am 16.2. in der Galerie B ist. Ich habe über das Grünflächenamt und das Stadtarchiv versucht, Informationen zu dieser sonderbaren Situation zu finden und bin zufällig heute auch auf Ihren Bericht gestoßen, der meine Rechercheergebnisse vervollkommnet. Mit meiner Ausstellung hoffe ich, einen Beitrag zu leisten, für mehr Sensibilität gegenüber den Baumveteranen zu werben. Meine Botschaft: Jedes Lebewesen und jedes Ding auf dieser Erde ist Teil eines großen Ganzen und wert, Beachtung zu finden.
    Trotz der umstrittenen Tragik finde ich gut, dass die Bäume nicht bodentief gefällt wurden, sondern jetzt für den Besucher wie Mahnmale wirken, Irritationen erzeugen und allein auch schon dadurch zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Natur animieren. Sie sind herzlich zur Finissage meiner Ausstellung am 16.2. um 19.30 Uhr in der Galerie B eingeladen.